Ein Kapitän der britischen Marine meinte zu einem Sufi-Weisen:
„Es ist gefährlich, die religiöse Überlieferung nur durch Gleichnisse weiterzugeben.
Jeder kann denselben Text auf seine Weise verstehen.“
„Gott sei dank ist es so“, entgegnete der Weise.
„Weil wir so zeigen können, dass die Wahrheit viele Gesichter hat.“
„Aber fürchten Sie nicht, dass man Ihre Lehren falsch deuten könnte?“, ließ der Kapitän nicht locker.
„Ein Glas kann Wein, Wasser oder Milch enthalten – es bleibt immer ein Glas.
Ein Teller kann dazu benutzt werden, darauf Fleisch, Obst oder Käse zu servieren –
er bleibt aber immer derselbe Teller.
Eine Geschichte wird unabhängig von einer falschen Deutung immer dieselbe Geschichte bleiben.
Auch Jesus hat Geschichten erzählt, hat in Gleichnissen gesprochen.
Und seine Botschaft hat die Zeit und den Missbrauch durch viele Generationen unbeschadet überstanden“.
dbhp - 26. Mär, 15:34
„Alle Meister sagen, der spirituelle Schatz werde in Einsamkeit gefunden.
Warum also sind wir beisammen?“, fragte einer der Schüler.
„Ihr seid beieinander, weil ein Wald immer stärker als ein einzelner Baum ist“, antwortete der Meister.
„Der Wald hält die Feuchtigkeit, widersteht einem Hurrikan besser, verhilft dem Boden zu Fruchtbarkeit.“
„Es ist doch die Wurzel, die die Stärke des Baumes ausmacht.
Aber die Wurzel einer Pflanze kann nicht einer anderen helfen zu wachsen.“
„Beisammen zu sein,
weil wir zusammen stärker sind,
und jeden auf seine Weise wachsen zu lassen ist der Weg,
den diejenigen einschlagen, die mit Gott eins sein wollen.“
dbhp - 26. Mär, 15:30
Ihr möchtet wissen um das Geheimnis des Todes.
Doch wie sollt ihr es entdecken,
so ihr nicht danach forschet im Herzen des Lebens?
Die Eule, deren auf die Nacht beschränkten Augen am Tag erblinden,
vermag nicht, das heilige Geheimnis des Lichtes zu entschleiern.
So ihr wahrhaftig den Geist des Todes erschauen wollt,
öffnet weit euer Herz dem Leib des Lebens.
Denn Leben und Tod sind eins,
so wie Fluß und Meer eins sind.
In der Tiefe Eures Hoffens und Wollens
liegt Euer stillschweigendes Wissen um das Jenseits:
Und dem Samen gleich, der unter dem Schnee träumet,
so träumet euer Herz von dem Lenze.
Trauet euren Träumen, denn das Tor der Ewigkeit ist darin verborgen.
Eure Furcht vor dem Tode ist nur das Zittern des Hirten,
so stehet er vor dem König,
dessen Hand sich als Zeichen des Wohlwollens auf ihn legt.
Ist der Hirt unter seinem Zittern nicht der Freude voll,
daß er das Zeichen des Königs tragen darf?
Und dennoch, ist er sich nicht weit mehr seines Zitterns bewußt?
Denn was bedeutet Sterben anderes
als nackt im Wind zu stehen und in der Sonne zu zerfließen?
Und was bedeutet das Stocken des Atems anderes
als dessen Befreiung aus den rastlosen Fluten,
auf daß er sich erhebe und entfalte und Gott suche unbeschwert?
Erst so ihr trinket aus dem Fluss des Schweigens,
werdet ihr wahrhaft singen.
Und erst, so ihr den Gipfel des Berges erklommen,
werdet ihr wahrhaft anfangen zu steigen.
Und erst, so die Erde ihren Anspruch erhebt auf Eure Gliedmaßen,
werdet ihr wahrhaft tanzen.
Khalil Gibran
dbhp - 19. Mär, 09:47
Manchmal, wenn dir die Tränen im Hals stecken,
wenn du daran zerbrichst,
dass niemand dich versteht…,
dann brauchst du einen Freund,
der seinen Arm um dich legt und dich weinen lässt.
Manchmal, wenn du vor Freude hüpfst,
wenn du die ganze Welt vor Glück umarmen willst…,
dann brauchst du einen Freund,
der deine Freude widerspiegelt und mit dir lachen kann.
Manchmal, wenn du allein sein willst,
wenn dir Ruhe und Stille wichtig sind, um dich zu finden…,
dann brauchst du einen Freund,
der sich nicht aufdrängt und geduldig wartet.
Manchmal – nein, immer
Brauchst du einen Freund,
der dich annimmt, wie du bist…,
vor dem du dein Leben ohne Maske leben darfst.
(Ingrid Thurner)
dbhp - 13. Mär, 15:22
Durch eine Oase ging ein finsterer Mann.
Er war so gallig in seinem Charakter, dass er nichts Gesundes und Schönes sehen konnte,
ohne es zu verderben.
Am Rand der Oase stand eine junge Palme im besten Wachstum.
Sie stach dem finsteren Mann in die Augen.
Er nahm einen schweren Stein und legte ihn der Palme mitten in die Krone.
Mit einem bösen Lächeln ging er nach dieser „Heldentat“ weiter.
Die junge Palme schüttelte und bog sich, und versuchte die Last abzuschütteln.
Vergebens, zu fest sass der Stein in der Krone.
Da krallte sich der Baum fester in den Boden und stemmte sich gegen die steinerne Last.
Er senkte seine Wurzeln so tief, dass sie die verborgene Wasserader der Oase erreichten und
stemmte dabei den Stein so hoch, dass die Krone über jeden Schatten hinausreichte.
Wasser aus der Tiefe und Sonnenglut aus der Höhe machten aus dem Baum eine königlichen Palme.
Nach Jahren kam Ben Saddok wieder, um sich an dem Krüppelbaum zu freuen,
den er, wie er glaubte, verdorben hatte. Er suchte vergebens.
Da senkte die stolzeste Palme ihre Krone, zeigte den Stein und sagte:
„Ben Saddok, ich muss dir danken, deine Last hat mich stark gemacht!“
dbhp - 13. Mär, 15:13
„Auf jeder Tour kommt einmal der Punkt,
im unübersichtlichen, nebeligen Gelände
wo man den Kompass herausholen muss.
Und unser modernes Leben ist manchmal unübersichtlich geworden.
Da heißt es eben,
die unsicher bebende Nadel unseres Herzens
geduldig auf diesen geheimnisvollen großen Pol hin
einpendeln zu lassen,
zu jenem Pol hin,
bei dem schlussendlich alle unsere Wege zusammenlaufen…“
dbhp - 13. Mär, 15:03
Einmal am Tag, da solltest du ein Wort in deine Hände nehmen ein Wort der Schrift.
Sei vorsichtig es ist so schnell erdrückt und umgeformt, damit es passt.
Versuch nicht hastig es zu „melken", zu erpressen damit es Frömmigkeit absondert.
Sei einfach einmal still.
Das Schweigen, Hören, Staunen ist bereits Gebet und Anfang aller Wissenschaft und Liebe.
Betastet das Wort von allen Seiten, dann halt es in die Sonne und leg es an das Ohr wie eine Muschel.
Steck es für einen Tag wie einen Schlüssel in die Tasche, wie einen Schlüssel zu dir selbst.
Fang heute an!
Vielleicht damit: „Es geschehe dein Wille wie im Himmel so auf Erden.“
(Paul Roth)
dbhp - 13. Mär, 14:57
Eine Frau rief hundert Mal am Tag den Namen Buddhas an, ohne die tiefere Bedeutung seiner Lehren zu verstehen. In zehn Jahren war sie nur immer bitterer und verzweifelter geworden und glaubte, sie sei nicht erhört worden.
Ein buddhistischer Mönch sah dies eine Weile mit an, und eines Tages ging er zu ihrem Haus:
„Frau Cheng, öffnen Sie die Tür!“
Die Frau wurde zornig und läutete eine Glocke zum Zeichen, dass sie gerade betete und nicht gestört werden wollte. Doch der Mönch drängte weiter:
„Frau Cheng, wir müssen uns unterhalten! Kommen Sie auf eine Minute heraus!“
Aufgebracht riss sie die Tür auf:
„Was bist du für ein Mönch, merkst du nicht, dass ich bete?“
„Ich habe dich bloß vier Mal gerufen, und sieh nur, wie erbost du bist. Stell dir vor, wie es wohl Buddha ergehen mag, der zehn Jahre lang gerufen wurde.
Wenn unser Mund ruft, aber unser Herz nicht fühlt, wird nichts geschehen. Verändere dein Rufen, versteh, was Buddha dir sagt, und er wird dich verstehen.“
(Buddhistische Tradition)
dbhp - 5. Mär, 08:02
Der Abt war mit einem Mönch des Klosters Sceta unterwegs zum Spaziergang, als sie zum Abendessen eingeladen wurden. Geehrt von der Anwesenheit der Geistlichen, ließ der Hausherr vom Besten auftischen.
Der Mönch aber fastete gerade; als das Essen kam, nahm er eine Erbse und kaute sie gemächlich. Mehr aß er nicht. Als sie hinausgingen, sprach der Abt zu ihm: „Bruder, wenn du jemanden besuchst, dann beleidige ihn nicht mit deiner Frömmigkeit. Nimm, wenn du das nächste Mal fastest, keine Einladung zum Essen an.“
Der Mönch verstand, was der Abt ihm sagen wollte. Von da an benahm er sich, wann immer er in Gesellschaft war, so wie die anderen Menschen.
(Christliche Tradition)
dbhp - 5. Mär, 07:59
Rab Huna tadelte seinen Sohn Rabbah:
„Warum gehst du nicht zum Vortrag von Rav Chisda?“
„Warum sollte ich?“ gab der Sohn zurück. „Jedesmal wenn ich hinging, hat Rav Chisda nur über Dinge von dieser Welt gesprochen: die Funktionen des Körpers, die Organe, die Verdauung und anderes, was schlicht nur den Leib betraf.“
„Rav Chisda spricht von dem, was Gott erschuf, und du sagst, er rede über Dinge von dieser Welt? Geh hin und hör ihm zu!“
(Jüdische Tradition)
dbhp - 5. Mär, 07:56
Nuxivan hatte seine Freunde zum Abendessen versammelt und garte ein saftiges Stück Fleisch. Da bemerkte er auf einmal, dass ihm das Salz ausgegangen war.
Nuxivan rief seinen Sohn herbei: „Geh ins Dorf und kauf Salz. Aber zahle einen gerechten Preis: nicht zu teuer und nicht zu billig.“
„Vater, ich verstehe, dass ich nicht zu viel bezahlen soll. Aber wenn ich den Preis ein wenig herunterhandeln kann, warum soll ich dann kein Geld sparen?“
„In einer großen Stadt ist das empfehlenswert. Doch ein kleines Dorf wie unseres kann man damit ruinieren. Wer sein Salz unter Preis verkauft, der tut es nur, weil er verzweifelt Geld braucht. Wer das ausnützt, zeigt, dass er keine Achtung hat vor der harten Arbeit, durch die das Salz gewonnen wurde.“
„Aber dieses eine Mal genügt doch nicht, um ein Dorf zu zerstören.“
„Am Anfang war auch das Unrecht auf der Welt gering. Doch jeder, der kam, fügte ein Körnchen hinzu und glaubte, es habe kein großes Gewicht; sieh, wohin wir heute am Ende angelangt sind.“
(Islamische Tradition)
dbhp - 5. Mär, 07:54
Jemand kommt aus Marokko und erzählt mir eine witzige Geschichte darüber, wie bestimmte Wüstenvölker die Erbsünde sehen.
Eva ging durch den Garten Eden, als die Schlange sich ihr näherte. „Iss diesen Apfel“, sagte die Schlange.
Eva, die von Gott wohl vorbereitet worden war, weigerte sich.
„Iss diesen Apfel“, ließ die Schlange nicht locker, denn du musst für deinen Mann noch schöner werden.“
„Das brauche ich nicht“, entgegnete Eva.
„Denn er hat keine andere Frau neben mir.“ Da lachte die Schlange. „Selbstverständlich hat er eine.“ Und weil Eva es nicht glauben wollte, führte er sie auf einen Hügel, wo es einen Brunnen gab.
„Sie ist in dieser Höhle. Adam hält sie dort versteckt.“
Eva beugte sich darüber und sah das Spiegelbild einer schönen Frau im Wasser des Brunnens. Und aß umgehend den Apfel, den die Schlange ihr anbot.
Demselben Stamm aus Marokko zufolge kehrt nur derjenige wieder ins Paradies zurück, der sich im Spiegelbild des Brunnens erkennt und sich selber nicht mehr fürchtet.
dbhp - 2. Mär, 20:35